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Freitag, 5. August 2011

Jüngste Erkenntnisse der Pränatal-, Säuglings- und Kleinkindforschung bestätigen, dass die Automatisierung der sensorischen Verarbeitung und Wahrnehmung in allen Sinneskanälen längst vor der Geburt einsetzt. Mit dem zweiten Lebensjahr ist sie bei ungestörtem Verlauf zu einer Reife gelangt, die als Voraussetzung auch für einen altersgerechten, unverzögerten und ungestörten Laut- und Schriftsprachbau gilt.
Automatiesierungsdefizite sind vor allem im Vorschulalter schwer zu diagnostizieren, da sie von den betroffenen Kindern oft durch intelligente, bewusst und unbewusst Ersatzstrategien für lange Zeit kompensiert werden.

Basale Automatisierungsdefizite als Ursache von Entwicklungen und -Störungen

Der neuartige Prüf- und Trainingsablauf nach Warnke hat das Interesse zahlreicher deutscher Therapeuten und breiter Kreise der Öffentlichkeit geweckt: Mehr als tausend deutsche Ärzte, Psychologen, Ergotherapeuten, Logopäden und Sprachheilpädagogen arbeiten in ihren Praxen erfolgreich nach diesem Verfahren. Selbst eine Anzahl von Sozialpädiatrischen Zentren benutzen es schon teilweise und leihen sie an Familien für das häusliche Training aus.

1. Einführung

Ein Schüler gilt als leserechtschreibschwach, wenn er trotz mindestens durchschnittlicher Intelligenz und einwandfreiern Leserechtschreibunterrichts in diesen Fertigkeiten einen deutlichen Rückstand gegenüber seinen Mitschülern aufweist. Die mutmaßlichen Ursachen aus den letzten fünfzig Jahren füllen ganze Bände. In jüngerer Zeit jedoch kristallisieret sich zunehmend die Überzeugung heraus, dass zeitlich Automatisierungsdefizite, und zwar vor allem in der Hör- und Sehverarbeitung und - Wahrnehmung, die wichtigsten Ursachen sein dürften. Betrachten wir in diesem Lichte zunächst den heutigen Stand des Wissens um das Zustandekommen einer weitgehend automatisieren Schriftsprache:
Die Vorbereitungen auf den Erwerb der Lautsprache als wichtiger Voraussetzung für den späteren Schriftspracherwerb beginnen bereits beim Fötus etwa mit der 28. Schwangerschaftswoche: Von diesem Zeitpunkt an hört der Fötus schon Schall aus der Umgebung, allerdings um 30 dB gedämpft und mit einem steilen Hochtonabfall oberhalb 1.000 Hertz. MMN - ähnliche elektrische Aktivitäten ließen sich in den Gehirnen von gesunden Frühgeburten nachweisen, die in der 30. - 35.Schwangerschaftswoche zur Welt gekommen waren:
das heißt, sie können auf unbewusster Ebene bereits bestimmte Laute voneinander unterscheiden. Das Neugeborene erinnert sich nachweisbar an Melodien, die es während des letzten Trimesters der Schwangerschaft gehört hat. Neugeborene können auch schon Vokale voneinander unterscheiden. Mit zwei Monaten kann der Säugling bereits die Plosivlaute b-d-g-k-p-t auseinander halten. Mit acht Monaten sind Säuglinge zu einer statistischen Strukturanalyse sinnfreier Silbenfolgen als Vorübung für die Segmentierung von Sätzen in einzelne Worte ebenso imstande wie zum Wiedererkennen sinnvoller Wörter aus zwei Wochen zuvor gehörten Geschichten. Etwa ab zwei Jahren können Kleinkinder bereits die Wohlgeformtheit syntaktischer Strukturen beurteilen, die sie aktiv noch gar nicht benutzen. Aus diesem für alle Kinder mit ausgeglichener Jahreshörbilanz typischen Ablauf lassen sich diese Folgerungen ableiten:
All diese Entfaltungen von offenbar genetisch angelegten Grundmustern entsprechend dem Kulturkreis des heranwachsenden Kindes verlaufen offenbar unbewusst und automatisch, sofern sie nicht gestört werden und sofern weiterhin lautsprachliche Vorbilder zugänglich sind. Weit vorauseilend dem Aufbau der Lautsprache legen der Säugling bzw. das Kleinkind also innere Repräsentationen auf der Phonem-, Morphem-, Semantik- und Syntax- Ebene an. Dank dieser gestaltfesten inneren Repräsentationen und der ständig zugänglichen lautsprachlichen Modelle seiner Bezugspersonen entwickelt das Kind problemlos eine altersgerechte, automatisierte Lautsprache. Auf dieser Grundlage lernt es in der Grundschule nach der analytisch- synthetischen Leselernmethode das selbsttätige Lesen auf der Graphem- Phonem- Ebene. Dank der dabei erlernten visuellen Zergliederung des gesamten Sprachgutes bis auf die Graphemebene bereitet diesen Kindern dann die Beherrschung der automatisierten Rechtschreibung ebenfalls keinerlei Probleme.
Anders bei Kindern, denen beispielsweise infolge genetischer Einflüsse, perinataler Einflüsse oder anhaltender auditiver Deprivation in den ersten Lebensjahren diese stetige Entwicklung nicht vergönnt war. Dabei ist nicht auszuschließen, dass der genetische Einfluss - zumindest teilweise - in einer Begünstigung des Auftretens rezidivierender Otitis media infolge IgA - Mangels auf den Schleimhäuten im Mund - und Rachenbereich bestehen könnte. Diese Kinder werden häufig lautsprachlich auffällig oder entwickeln kraft ihrer Intelligenz einen kompensatorischen, aber verschliffenen Lautsprachaufbau auf der Ganzwortbasis als Ersatzstrategie. Diese Kinder setzen ihre Ersatzstrategien durch Lesen auf Ganzwortbasis unter Kontextnutzung fort. Sie erkennen ein Wort im wesentlichen anhand seiner Anfangs - und Endbuchstaben. Diese Kinder schaffen sich somit auch keine inneren visuellen Vor - Bilder für ihre Rechtschreibung, sondern lautieren oder buchstabieren auf der auditiven Ebene mit zwangsläufigen Fehlern, da nur etwa 40% des deutschen Sprachgutes lautgleich geschrieben werden.
Nur bei einem verschwindend geringen Teil dieser Kinder kommen deren Bezugspersonen oder deren Lehrer auf den Gedanken, die Ursachen für deren Rechtschreibprobleme in der oben beschriebenen Kausalkette zu suchen. Die vollständige Untersuchung jedes Kindes im Verdachtsfalle durch eine phoniatrisch - pädaudiologische Institut wäre wirtschaftlich kaum zu vertreten. Aber selbst eine derartige Untersuchung deckt im Regelfalle nicht die weiteren Automatisierungsdefizite auf, zumal intelligente Kinder diese durch bewusste Kompensation oft für viele Jahre verschleiern können. Zu diesen mehr oder weniger erfolgreiche kompensierten, zumeist aber bisher höchst selten festgestellten Automatisierungsdefiziten gehören beispielsweise:

1.1. Winkelfehlsichtigkeit = Heterophorie mit Fixations - Disparation

Wenn die beiden Abbildungen auf der Fovea centralis, dem scharf abbildenden Teil der Netzhaut, inder zentralen Sehverarbeitung nicht zur Fusion gebracht werden können, wird dort das "schlechtere" Bild entweder unterdrückt (was langfristig zu Visusabfall führt) oder  im ungünstigeren Falle entsteht eine doppelte oder zwischen den Augen springende Abbildung, so dass hierdurch vor allem die Lesefähigkeit beeinträchtigt wird.

1.2. Sustained & transiert response = Gestörte visuelle Transientenverarbeitung

Wenn das Verhältnis zwischen dem verbleiben des Auges auf einer Buchstabengruppe, also die "sustained response" , zu den raschen Blicksprüngen (=Sakkaden) von einer Buchstabengruppe zur nächsten, der "transient response", zeitlich nicht ausgewogen ist, so dass eine Art "Nachbild" der vorigen Buchstabengruppe stehen bleibt, verschwimmen die zu lesenden Buchstaben miteinander und beeinträchtigen die Lesefähigkeit.

1.3. Blicktüchtigkeit

Wenn die Sakkaden, also beim Lesen das unter erwähnte rasch Hinüberschwenken von einer Buchstabengruppe zur nächsten, nicht präzise genug den neuen angestrebten Sehort treffen, sondern sich erst "einschließen" müssen, vergeht unnötige Zeit für das Erkennen der nächsten Buchstabengruppe.

1.4. Defizite in der auditiven Transienten - Dekodierung

Wenn die Übergänge vor allem von Plosiven auf nachfolgende Vokale mit ihrer rasch wechselnden Frequenzanteilen nicht präzise dekodiert werden können, entstehen Fehldeutungen bestimmter Phoneme. Dieses Paradigma dürfte die auditive Parallele  zu 1.2 darstellen.

1.5. Verlangsamte Segmentierung bei jeglicher Sprachdekodierung und - kodierung

Wenn die auditive Ordnungsschwelle, d.h. die Taktfrequenz, mit der das Gehirn sowohl die gehörte als auch die selbstproduzierte Sprache abtastet, nicht altersgerecht entwickelt, sondern verlangsamt ist, gehen wichtige Feinheiten der Phonemstruktur verloren, und es kommt zu Verwechslungen vor allem zwischen ähnlichen Plosiven.

1.6. Verzögerter Zugriff auf lexikalischen Wortschatz

Wenn die für das rasche Bennennen von gesehenen Gegenständen erforderliche Zeit auffällig verzögert ist - "rapid automized naming deficit" -, wird davon ausgegangen, dass die Fähigkeit des automatischen Zugriffs auf den eignen lexikalischen Wortschatz beeinträchtigt ist.

1.7. Beeinträchtigte auditiv - motorische Koordination

Wenn die Fähigkeit zum synchronen "Finger - Tapping" in Übereinstimmung mit einem auditiv vorgegebenen regelmäßigen Rhythmus nicht altersgerecht entwickelt ist, wird von einem Automatisierungsdefizit in der zeitgerechten Umsetzung des auditiven Reizmusters zwischen den beiden Hirnhälften über das Corpus callosum ausgegangen.

1.8. Verlangsamte Reaktionszeit bei Wahlmöglichkeiten

Wenn bei Vorhandensein einer altersgerechten Reaktionszeit auf einfache Reize hingegen die Reaktionszeit bei Wahlmöglichkeiten zwischen zwei oder mehr Reize, die sogenannte "Choice - Reavtion - Time", verlangsamt ist, wird von einer Automatisierungsschwäche im Entscheidungsprozeß ausgegangen. Diese Entscheidungsschwäche erstreckt sich von nonverbalen Tonsignalen bis zur Unterscheidung zwischen sinnfreien und sinnvollen Wörtern.

1.9. Beeinträchtigte Tonhöhenunterscheidung

Sprachauffällige Kinder haben erhebliche Schwierigkeiten beim Unterscheiden von Tonhöhenintervallen, die bei der Enkodierung und Dekodierung der Sprechmelodie wichtig sind, um sinngebend zu sprechen und sinnentnehmend zu hören. Dies wird vor allem auf ein Automatisierungsdefizit in der vorbewussten Frequenzunterscheidung zurückgeführt.

Tags :  AugeStörung
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