Um möglichst viele relevante Automatisierungsdefizite in einer für das betroffene Kind zumutbare Zeitspanne festzustellen, entstand eine selektive "Prüfung typischer zentralen Funktionen", die sich bis heute mehreren tausend Fällen als treffsicher bestätigt hat.
Vorangehen muss die Abklärung der Seh- und Hörfähigkeit. Diese Prüfung wird - möglichst in Anwesenheit der Eltern - durch einen in dieser Methode kompetenten Arzt oder eine Therapeutin vorgenommen. Die Eltern verfolgen somit die einzelnen Prüfschritte, können selbst die voraussichtlichen Trainingsbedarfe ihres Kindes abschätzen und sogleich etwaige Verständnisfragen oder Probleme vortragen:
1. Tonhöhenunterscheidung
Auf einem Keyboard im Bereich von 500 Hz dicht nacheinander kurz angeschlagene Tonintervalle sollen unterschieden werden, indem die Reihenfolge hoch - tief bzw. hell - dunkel abgefragt wird. Zumeist erreichen sprachauffällige Kinder anstelle des typischen und erreichbaren Halbtonschrittes nur die kleine oder große Terz.
2. Auge - Hand - Koordination
Ein 1 - m - Kunststoffstab (Installationsrohr PG - 16) soll mindestens 10 Sekunden auf der Schreibhand balanciert werden. Auch diese bei vielen Kindern bereits bei der Einschulung automatisierte Fertigkeit besitzen nur wenige sprachauffällige Kinder.
3. Blicktüchtigkeit
Eine große liegende Acht soll mit den Augen stetig verfolgt werden, wobei der Prüfende auf die Stetigkeit der Blickverfolgung achtet. Etwa die Hälfte der sprachauffälligen Kindern vermag dieser Bewegung nicht stetig, sondern - vor allem bei der Annäherung an die Mittellinie - nur mit sprungartigen Bewegung zu folgen.
4. Richtungshören
Kurze Töne und Rauschen aus einem handgehaltenen, batteriebetriebenen Generator sollen mit geschlossenen Augen geortet werden. Anstelle der für unauffällige Kinder typischen Abweichungen von maximal 5 Grad horizontal und 10 Grad vertikal ergeben sich meist größere Fehlortungen in beiden Dimensionen.
5. Binokularsehen
Im Nahfeld soll ein räumliches Testbild ohne Mühe rasch in allen Details erkannt und benannt werden. Im Fernfeld wird mit einer Rotgrün - Brille geprüft. Mehr als die Hälfte der sprachauffälligen Kinder zeigt ein bis dahin unerkanntes gestörtes räumliches Sehen.
6. Kurzzeit - Merkfähigkeit
In Anlehnung an den Mottier - Test soll eine altersgerechte Reihe sinnfreier Silben mit stetig verringertem Schwierigkeitsgrad nachgesprochen werden. Anstelle der altersgerechten Nachsprechleistung von Alter minus 1, jedoch nicht über sechs Silben, erreichen die meisten sprachauffälligen Kinder nur drei Silben.
7.1. Auditive Ordnungsschwelle
Zwei kurze auditive Reize von links und von rechts mit erfolgsabhängig veränderbarem Inter - Stimulus - Intervall sollen in eine Reihenfolge gebracht werden. Anstelle der altersgerechten Ordnungsschwellenwerte, die weiter unten bei den Trainingsmaßnahmen aufgelistet werden, erreichen die sprachauffälligen Kinder meist wesentlich langsamere Werte.
7.2. Visuelle Ordnungsschwelle
Zwei kurze Lichtblitze von links und von rechts mit erfolgsabhängig veränderbarem Inter - Stimulus - Intervall sollen in eine Reihenfolge gebracht werden. Hier liegen die Werte der sprachauffälligen Kindern fast immer in der oder sehr nahe bei der Norm, was eine gute Grundlage für das auditiven Ordnungsschwelle arstellt.
8. Lautunterscheidung = Wahrnehmungs - Trennschärfe
Acht kritische Konsonanten b - d -f - g - k - p - t - w, eingebettet in eine VKV - Folge, sollen unter erschwerten Bedingungen erkannt werden. Da der hier verwendete Test in Kunstkopf - Stereofonie und echten Klassenraumbedingungen aufgezeichnet wurde, ist seine Aussagekraft besonders stark. Die meisten sprachauffälligen Kinder zeigen dabei eine deutlich beeinträchtigte Wahrnehmungs - Trennschärfe.
9. Pseudotext - Lesetest
Zwecks Prüfung seiner Lesestrategie liest das Kind einen altersgerechten sinnvollen und anschließend einen Pseudo - Lesetest. Dabei bestätigt sich immer, dass diese Kinder sich eine logographische Lesestrategie unter Kontextnutzung angewöhnt haben, aber auf der Graphem - Phonem - Ebene deutlich langsamer und unsicherer sind. Abhängig vom Ergebnis dieser Screening - Prüfung wird gegebenenfalls eine weiterführende entwicklungsneurologische und / oder pädaudiologische Untersuchung empfohlen. Danach ist der tatsächliche Trainingsbedarf des betroffenen Kindes festzustellen und mit dessen Eltern abzustimmen sowie mit gegebenenfalls bereits laufenden anderen Fördermaßnahmen zu verknüpfen. Dieses Training baut weitgehend auf der obigen Auflistung der neun Prüfungsschritte auf, die gleichermaßen auch zum Einüben der für das Kind wichtigen basalen Fertigkeit geeignet sind. Dabei bedürfen das Ordnungsschwellentraining, das Lateraltraining sowie das Lesen von Pseudotexten zum Abbau der Probleme aus den Prüfungsschritten 7 bis 9 einer ausführlicheren Erläuterung.


